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What an old Woman will wear

Tanja Nis-Hansen

bis

Eröffnung: Fr. 10.04.26  18 Uhr  

Artisttalk: Sa. 11.04.2026 14 Uhr

Ausstellung: 11.04.26 – 07.06.26

Die Zeitspanne, die es brauchte, um von #wokeuplikethis (popularisiert durch Beyoncés ikonischen Hit Flawless aus dem Jahr 2014) zu GRWM zu gelangen, betrug etwa zehn turbulente Jahre. Zehn Jahre, die den Aufstieg von TikTok und seiner Gen-Z-Bevölkerung markieren, die die Millennials als treibende Kraft der Online-Produktion ablöste; eine Pandemie, die häusliche Innenräume zu einem Ort kultureller Imagination machte; sowie insgesamt einen düstereren, instabileren Blick auf die Welt.

GRWM ist ein Akronym für Get Ready With Me. Gibt man das bei TikTok ein, werden 22 Millionen Videos mit Hunderten Milliarden Aufrufen hervorgebracht, in denen fast ausschließlich Frauen in eine aufgestellte Smartphone-Kamera sprechen, während sie 14-stufige Make-up-Routinen durchführen. Diese Entmystifizierung von Schönheit, in der sichtbar wird, wie viel Arbeit, Geld und Können in eine morgendliche Routine fließen, erscheint mir (einer Millennial, die eher mit dem #wokeuplikethis-Ethos aufgewachsen ist) als schockierender Gegenentwurf zu einem Schönheitsideal, das stets mühelos wirken sollte.

Im Kasseler Kunstverein präsentiert Tanja Nis-Hansen diese vier Buchstaben als in der Luft schwebende Gemälde; oder vielmehr als Zusammensetzungen zahlreicher Einzelbilder, die sich wie ein Puzzle zu einem größeren Ganzen fügen. Insgesamt dreißig Werke zeigen eine Vielzahl von Bild- und Wortmotiven, die in ihren jeweiligen Konstellationen Deutungen eröffnen, die über die einzelnen Arbeiten hinausgehen.

Darunter finden sich etwa ein versteinert wirkender Dodo, ein Windrad, ein gewaltsam geöffnetes Auge und ein Apfel – allesamt eher isolierte symbolische Marker als Darstellungen immersiver Szenen. Besonders der Apfel ist ein wiederkehrendes Motiv in Nis-Hansens Werk, da er eine Vielzahl von Konnotationen trägt: Sünde oder Versuchung, durch seine üppigen, glänzenden Rundungen Anklänge von Fruchtbarkeit sowie Assoziationen mit Gesundheit und Lifestyle. Darüber hinaus gibt es eine Fülle ausgedehnter, körperloser Gliedmaßen, die entweder auf etwas außerhalb des Bildes verweisen oder sich so strecken, als würden sie ein Objekt zum Empfang darbieten. Diese Gesten sind richtungsweisend, führen den Blick über die Leinwand, besitzen aber zugleich eine appellhafte Unmittelbarkeit in ihrer Forderung.

Liest man dazu die Satzfragmente, die wiederholt einen ähnlichen imperativen oder mantraartigen Ton tragen, beginnt man, die disparaten Fragmente eines verbalen und visuellen Kommunikationsmodus jenseits ihrer festen sprachlichen Bedeutung zu erfassen. Ein Schreiben durch Bilder gewissermaßen – eine Art hieroglyphisches Charadespiel. Während Nis-Hansens frühere Arbeiten häufig die Schwellenräume von Krankheit behandelten, sowohl im affektiven Register der Ungewissheit als auch in ihrer konkreten Infrastruktur, geprägt von anonymen Wartezimmern und abgeschlossenen Räumen, verschieben sich die Werke in What An Old Woman Will Wear deutlicher hin zur Beziehung des (weiblichen) Körpers zu seiner Darstellung und Formung, sowohl in der visuellen Kultur als auch in der Sprache.

Die Vorstellung, dass Sprache nicht ausreicht, um die Gesamtheit der Existenz zu erfassen, ist ein Problem, das so alt ist wie die Schrift selbst. Platons Bezeichnung des Schreibens als pharmakon – zugleich Heilmittel und Gift – wurde von Jacques Derrida in der These erneuert, dass jeder Versuch, etwas mit Worten zu fassen, es zugleich verfälscht. In gewisser Weise ähnelt dies dem, was man über Erinnerung sagt: Jedes Mal, wenn man eine Erinnerung hervorruft, wird sie verzerrt, leicht umgeschrieben. Verdrängung, das Speichern von Ereignissen im Unbewussten, könnte daher auch eine Form der Bewahrung sein. Sowohl die Fallstricke der Sprache als auch jene des Bewusstseins, das am ehesten zugänglich wird, wenn Sprache gelockert wird, sind in dieser Ausstellung präsent. Nis-Hansens intuitive Gegenüberstellung von Wort und Bild erinnert an Sigmund Freuds Methode der freien Assoziation, bei der das Sprechen das Denken überholt, um die Wahrnehmungsrealität des Unbewussten zu erschließen. Sich mit körperlichen Zuständen von Ungewissheit, Krankheit und Andersheit auseinanderzusetzen, Zustände, die sich nicht sauber in die Grenzen dessen einfügen, wofür wir Worte haben, bedeutet, an der Schwelle zwischen Darstellung und Realität zu balancieren.

Wenn man ein Leitmotiv dieser Ausstellung benennen wollte, so wäre es die Spalte, in der Oberflächen den Tiefen weichen, die sie verbergen. Das zeichnet sich ab als der Versuch, psychische Zustände der Instabilität jenseits erlernter sozialer Codes von Sprache, Erscheinung und Oberfläche anzunähern. Im Bereich der Darstellung geschieht dies, wenn Symbole durch unerwartete Gegenüberstellungen von ihren festen Bedeutungen gelöst werden. Versprecher, Träume und Witze waren die Ausgangspunkte von Freuds Erforschung des Unbewussten. Jene Räume, in denen Artikulation versagt, in denen Bedeutung verzerrt wird, weil Wort und Bild nicht mehr eindeutig aufeinander verweisen, lassen sich als eine äußere Hülle denken, ähnlich wie Kleidung, die ein inneres Chaos nicht einfach verbirgt, sondern mitbestimmt, wie und ob es überhaupt erscheint.

Get Ready With Me ist somit eine Einladung in einen Bereich, der bis vor Kurzem als zutiefst privat galt und zugleich seine Monetarisierung innerhalb einer globalen, milliardenschweren Aufmerksamkeitsökonomie. Das ekphrastische Bild von Kleidung, die sich über einen imaginierten alternden Körper legt – entworfen in der Vorstellung von Was eine alte Frau tragen würde – führt diese Umkehrung fort. Eine Figur, die durch ihre Hüllen dargestellt wird und dabei ihre eigene Konstruktion offenlegt. Dieses Nach-außen-Kehren scheint sich auch in den Gemälden selbst zu vollziehen: Sie sind gewissermaßen freudig von der Wand gesprungen und zeigen ihre ausgefransten, voluminösen Rückseiten, die über die Bildebene hinaus in den Raum greifen.

Dara Jochum

*Dies ist eine Übersetzung des englischen Originaltexts.

Fotos: Nico Wefers